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Niemand wird je alles wissen, was im Herzen eines anderen Menschen vor sich geht. Wir alle sind Gestaltwandler der Seele.
Handbuch der Tleilaxu-Geheimnisse
Unter der Sonne Thalim lebten die Bene Tleilax auf ihren isolierten Welten und erlaubten ausgewählten Besuchern nur, in speziellen Quarantänebereichen zu landen, aus denen man sämtliche heiligen Objekte entfernt hatte. Wenn Thufir Hawat wieder abflog, würden die Tleilaxu jede Fläche desinfizieren, die er berührt hatte.
Die Hauptstadt Bandalong lag fünfzig Kilometer vom Raumhafenkomplex entfernt, jenseits einer Ebene ohne Straßen oder Bahnlinien. Als das Shuttle durch den fleischfarbenen Tageshimmel flog und zur Landung ansetzte, musterte Hawat die ausgedehnten Gebäude und schätzte, dass mehrere Millionen Menschen in Bandalong lebten. Doch als Fremder durfte der Mentat die Stadt niemals betreten. Er durfte sich lediglich in den genehmigten Gebäuden am Raumhafen aufhalten und würde bald nach Caladan zurückkehren.
An Bord des Shuttles befand sich etwa ein Dutzend Passagiere, von denen die Hälfte Tleilaxu waren. Die übrigen schienen Geschäftsleute zu sein, die gekommen waren, um biologische Erzeugnisse wie neue Augen, gesunde Organe, verderbte Mentaten oder vielleicht sogar Gholas zu erwerben – genauso wie Hawat.
Als er auf die Plattform hinaustrat, eilte ihm ein grauhäutiger Mann entgegen. »Thufir Hawat, der Mentat des Hauses Atreides?« Der zwergenhafte Mann ließ scharfe Zähne aufblitzen, wenn er lächelte. »Ich bin Wykk. Hier entlang.«
Ohne ihm die Hand zu schütteln oder auf eine Antwort zu warten, führte Wykk ihn über eine gewundene Rampe zu einem unterirdischen Kanal, an dem sie ein automatisches Boot bestiegen. Hawat hielt sich an der Reling fest, während das kleine Gefährt durch das trübe Wasser raste und beträchtliche Wellen aufwarf.
Nachdem sie angelegt hatten, folgte Hawat seinem Führer geduckt in die heruntergekommene Vorhalle eines der Gebäude in der Umgebung des Raumhafens. Drei Tleilaxu-Männer standen in einer Gruppe und unterhielten sich, andere hasteten durch den Raum. Nirgendwo waren Frauen zu sehen.
Über den zerkratzten Fußboden näherte sich ein Robo – aus ixianischer Produktion? – und hielt genau vor Wykk an. Der Tleilaxu entnahm der Maschine einen Metallzylinder und gab ihn an den Mentaten weiter. »Das ist Ihr Zimmerschlüssel. Sie dürfen das Hotel nicht verlassen.« Hawat bemerkte hieroglyphische Zeichen auf dem Zylinder, die er nicht entziffern konnte, und eine Nummer in Galach.
»In einer Stunde werden Sie sich dort mit dem Meister treffen.« Wykk deutete auf eine offene Tür, hinter der mehrere Tische zu sehen waren. »Wenn Sie sich nicht pünktlich einfinden, schicken wir Jäger los, die nach Ihnen suchen.«
Hawat stand steif in seiner prächtigen Atreides-Uniform da. »Ich werde pünktlich sein.«
In seiner Unterkunft fand er ein durchgelegenes Bett, schmutzige Laken und Ungezieferkot auf dem Fensterbrett vor. Mit einem tragbaren Apparat suchte Thufir den Raum nach Abhörvorrichtungen ab, ohne fündig zu werden. Das bedeutete wahrscheinlich nur, dass sie schwierig aufzuspüren oder ungewöhnlich exotisch konstruiert waren.
Er fand sich zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit am Treffpunkt ein und stellte fest, dass das Restaurant noch unsauberer als sein Zimmer war. Die Tischdecken, die Stühle, die Gläser – alles war dreckig. Die Unterhaltungen der Gäste wurden in einer Sprache geführt, die er nicht verstand. Hier schien alles darauf angelegt zu sein, den Besuchern Unbehagen zu vermitteln, damit sie keineswegs den Wunsch verspürten, länger als unbedingt nötig zu bleiben.
Doch Hawat hatte ohnehin nichts anderes im Sinn.
Wykk kam hinter einem Tresen hervor und führte ihn zu einem Tisch neben einem großen Plazfenster. Dort saß bereits ein anderer kleinwüchsiger Mann, der eine Suppe von undefinierbarer Zusammensetzung löffelte. Er trug eine rote Jacke, weite Hosen und Sandalen. Er blickte zu Hawat auf, ohne sich die Suppenreste vom Kinn zu wischen.
»Meister Zaaf«, sagte Wykk und deutete auf den unbesetzten Stuhl auf der anderen Seite des kleines Tisches. »Das ist Thufir Hawat, ein Vertreter der Atreides. Es geht um unser Angebot.«
Hawat fegte die Krümel von der Sitzfläche, bevor er sich auf den Stuhl setzte. Das Mobiliar war eindeutig nicht für einen Mann von seiner Größe ausgelegt. Er riss sich zusammen und ließ sich nichts von seinem Abscheu anmerken.
»Speziell für unsere Gäste von fremden Welten haben wir eine köstliche Schwurmsuppe zubereitet«, sagte Zaaf.
Ein stummer Kellnersklave kam mit einer Terrine vorbei und füllte Suppe in eine Schale. Ein anderer klatsche blutige Fleischstücke auf Teller, die er beiden Männern hinschob. Niemand hielt es für notwendig, Hawat über die Herkunft des Fleisches aufzuklären.
Der Sicherheitsbeauftragte blickte sich um und konnte nirgendwo Giftschnüffler entdecken. Also musste er sich auf seine eigenen Mittel verlassen. »Ich verspüre keinen besonderen Hunger – auch angesichts der schwierigen Aufgabe, die ich für meinen Herzog zu erfüllen habe.«
Mit kräftigen Händen griff Meister Zaaf nach dem Stück Fleisch, stopfte es sich in den Mund und kaute so laut schmatzend, als wollte er Hawat absichtlich provozieren.
Schließlich wischte sich der Tleilaxu das Kinn mit dem Ärmel sauber. Seine glitzernden schwarzen Augen blickten zum viel größeren Mentaten auf. »Bei uns ist es Sitte, geschäftliche Verhandlungen wie diese während einer Mahlzeit zu führen.« Er tauschte sein Gedeck gegen Hawats Fleischteller und Suppenschale aus und machte sich darüber her. »Essen Sie, essen Sie!«
Hawat nahm ein Messer und schnitt ein kleines Stück Fleisch ab. Er aß nur so viel, wie es die Höflichkeit verlangte, und spürte, wie sein implantierter Injektor bei jedem Bissen aktiv wurde. Es fiel ihm schwer, die durchgekaute Masse hinunterzuschlucken.
»Die Teller zu tauschen ist eine uralte Tradition«, sagte Zaaf, »unsere Methode zur Verhinderung von Giftanschlägen. In diesem Fall hätten Sie als Gast darauf bestehen müssen, nicht ich.«
»Ich werde es mir merken«, entgegnete Hawat; dann wollte er endlich zur Sache kommen. »Vor kurzem erhielten wir ein Angebot der Tleilaxu, einen Ghola zu züchten, nachdem der Sohn des Herzogs bei einem schrecklichen Unfall ums Leben kam.« Hawat zog ein zusammengefaltetes Dokument aus einer Jackentasche und schob es über den Tisch, wodurch es mit Fett- und Blutflecken verunziert wurde. »Herzog Atreides hat mich gebeten, Sie nach den Bedingungen dieses Angebots zu fragen.«
Zaaf warf nur einen flüchtigen Blick auf das Schreiben und konzentrierte sich wieder auf sein Essen. Er schlug sich den Bauch voll und spülte schließlich mit einer trüben Flüssigkeit aus einem Becher nach. Dann griff er nach dem Dokument und stand auf. »Nachdem wir uns nun Ihres ernsthaften Interesses versichert haben, werden wir einen für uns akzeptablen Preis festsetzen. Bleiben Sie auf Ihrem Zimmer, Thufir Hawat, und warten Sie auf unsere Antwort.«
Er beugte sich über den Mentaten, der sich noch nicht vom Platz erhoben hatte, und Hawat sah in seinen Pupillen puren Hass auf die Atreides. »Unsere Dienste werden auf keinen Fall billig sein.«